Geliehene Zeit
Über eine Branche, die ihre Legitimation verspielt
2017 hat dieses Land etwas Seltenes getan. Es hat Cannabis als Medizin anerkannt. Nicht als Zugeständnis an eine Subkultur, sondern als Therapieoption für Menschen, denen nichts anderes geblieben war. Schwerstkranke. Austherapierte. Menschen, für die das Wort Ultima Ratio keine juristische Floskel ist, sondern Alltag.
Diese Anerkennung war ein Vertrauensvorschuss. Der Staat hat einer Pflanze, die er jahrzehntelang bekämpft hatte, einen Platz im Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherung eingeräumt. Das war kein Geschenk. Das war ein Verhältnis. Und Verhältnisse haben Bedingungen.
Legitimität ist kein Besitz. Sie ist ein Verhältnis. Und Verhältnisse kann man beschädigen.
Neun Jahre später steht dieses Verhältnis zur Disposition. Der Gesetzgeber plant, die Blütentherapie aus der Erstattung zu drängen. Erst der Versuch der vollständigen Streichung, dann die Nachrangigkeit. Sechs Monate Fertigarzneimittel, bevor eine Blüte verordnet werden darf. Für einen Großteil der rund 65.000 Kassenpatienten bedeutet das eine Therapie, die auf dem Papier existiert und in der Praxis endet.
Die Reaktion der Branche kam prompt. Empörung über die Politik. Enttäuschung über gebrochene Versprechen. Der vertraute Reflex, nach Berlin zu zeigen.
Dieser Reflex verwechselt Ursache und Wirkung.
Was tatsächlich geschehen ist
Man muss die Zahlen nur nebeneinanderlegen. Dieselbe Blüte, die im freien Markt für drei Euro das Gramm angeboten wird, wird der Kasse für fünfzehn berechnet. Kein Unterschied im Produkt. Nur im Preisschild. Ein System, das diese Differenz trägt, trägt sie nicht lange.
Dazu ein Verschreibungsapparat, der sich selbst entkernt hat. Rezepte im Minutentakt. Diagnosen als Formsache. Telemedizin, die aus einer medizinischen Infrastruktur einen Automaten gemacht hat. Wer ein Rezept wollte, bekam eines. Die Frage, ob er ein Patient war, wurde zur Nebensache.
Das war kein Missbrauch des Systems durch Einzelne. Das war ein Geschäftsmodell. Volumen statt Versorgung. Marge statt Medizin. Wachstum ohne Fundament.
Wer das Medizinische zur Fassade macht, darf sich nicht wundern, wenn der Staat die Fassade abreißt.
Die Politik hat nicht gestrichen, weil sie Cannabis ablehnt. Sie hat gestrichen, weil eine Branche ihr jeden Grund dafür geliefert hat. Die Finanzkommission musste die Argumente nicht konstruieren. Sie lagen auf dem Tisch. Öffentlich. Beworben. Mit Rabattcode.
Wer die Rechnung zahlt
Die Leidtragenden sind nicht die Importeure, die den Markt geflutet haben. Nicht die Plattformen, die Rezepte skaliert haben wie Newsletter. Nicht die Kassen.
Es sind Menschen mit chronischen Schmerzen. Mit neurologischen Erkrankungen. Menschen, deren Therapie funktioniert und die jetzt beweisen sollen, dass ein Präparat nicht wirkt, das für ihre Erkrankung nie zugelassen wurde. Das ist die eigentliche Bilanz dieser Jahre.
Die Lautesten haben verdient. Die Leisesten zahlen.
Was Erwachsenwerden bedeutet
Es gibt in dieser Debatte eine bequeme Position und eine notwendige. Die bequeme lautet, dass die Politik Vorurteile pflegt und die Branche Opfer ist. Die notwendige lautet, dass eine Industrie, die ernst genommen werden will, sich selbst ernst nehmen muss.
Das heißt konkret. Preise, die einer Prüfung standhalten, weil sie Qualität abbilden und nicht Arbitrage. Verschreibung, die Medizin bleibt und nicht Vertrieb wird. Standards im Anbau, in der Standardisierung, in der Verantwortung gegenüber denen, für die das alles einmal gedacht war.
Ein Markt, der seine eigene Legitimation verbrennt, verliert am Ende sein Gesetz.
Die Frage ist nicht, warum gestrichen wird. Die Frage ist, warum es so leicht war. Warum eine Branche, die neun Jahre Zeit hatte, Vertrauen aufzubauen, so wenig davon vorweisen kann, wenn es zählt.
DÆNK steht für eine Kultur, die ihre Verantwortung ernster nimmt als ihre Rendite. Für eine Branche, die versteht, dass Anerkennung erarbeitet wird und nicht abgeschöpft. Alles andere ist geliehene Zeit. Und geliehene Zeit läuft ab.
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