Ein Wandel im DÆNKEN.
Die Mary Jane und die Frage, wem eine Kultur gehört.
Die Mary Jane 2026 ist vorbei. Was bleibt, ist ein Eindruck, der sich nicht wegdiskutieren lässt: Was einmal Messe war, ist heute ein Konsumfestival. Bunt, schrill, laut. Sichtbar ist, wer zahlt. Das alles hat seine Daseinsberechtigung. Ausschlaggebend sind das Maß und die mediale Außenwirkung.
Eine Kultur braucht Räume, keine Bühnen. Vor allem braucht sie Balance. Ausgleich. Einen Safespace für eine Bubble, die über Jahrzehnte vor allem eines erfahren hat: Diskriminierung.
Das ist der Kontext, den man nicht ausblenden kann. Diese Szene hat sich nicht auf Messen gebildet. Sie hat sich in Kellern gebildet, in Growrooms, in Gesprächen, die niemand hören durfte. Wer heute eine Fläche für diese Kultur baut, übernimmt Verantwortung für Menschen, die Öffentlichkeit jahrzehntelang als Risiko erlebt haben. Ein Event, das diese Geschichte versteht, sieht anders aus als ein Event, das sie vermarktet.
Wir waren da. Wir haben uns auf viele aus der Szene gefreut und viele im Trubel übersehen. Ab dem frühen Samstagnachmittag sah man vor allem eines: Menschen. Keine Gespräche, keine Begegnungen, sondern Durchlauf. Und irgendwann stellt sich eine Frage, die eigentlich absurd ist: Warum stresst ein Event, das sich um eine entspannende Substanz dreht?
Was fehlte
Uns fehlten ausreichend Orte zum Runterkommen. Orte mit Luft zum Atmen, an denen man sein High auch genießen kann. Orte, an denen man mal richtig Ruhe hat, oder zumindest keine laute Musik. Orte, an denen Grower und Konsumenten wirklich ins Gespräch kommen. An denen über die Zukunft von Cannabis in Deutschland philosophiert wird, nicht nur über den nächsten Drop.
Das ist kein nostalgischer Wunsch nach Kleinheit. Es ist eine strukturelle Frage. Jede Branche, die etwas werden will, braucht Orte, an denen Ideen auf Kapital treffen. Die Tech-Welt hat dafür eine ganze Infrastruktur gebaut: Pitch-Stages, Founder-Lounges, Matchmaking. Die Cannabis-Branche in Deutschland formiert sich gerade neu, unter den Augen des Gesetzgebers, mit knappem Kapital und großem Ideenreichtum. Genau jetzt entscheidet sich, ob dieser Reichtum einen Kanal findet oder verpufft.
Wo pitcht jemand eine gute Idee, dem das Kapital fehlt?Wo ist der Raum für Start- ups, die Hilfe suchen?Warum gibt es keine Link-up-Spaces, ruhige Boxen, in denen man sich sofort zurückziehen und connecten kann?
Das ist kein Nice-to-have. Das ist der Unterschied zwischen einer Messe, die eine Branche abbildet, und einer, die sie baut.
Was nicht funktionierte
Auch das Operative gehört zur Wahrheit. Einlasszeiten von bis zu drei Stunden.Kein Wiedereinlass für Tagesgäste. Ein Team, das nur den eigenen Bereich kennt und sich widerspricht.
Man kann das als Anlaufschwierigkeiten abtun. Aber Organisation ist nie neutral, sie ist eine Botschaft. Und diese Botschaft lautete: Durchsatz vor Begegnung. Besucher spüren das, auch wenn sie es nicht benennen. Es ist die Differenz zwischen einem Event, das seine Gäste ernst nimmt, und einem, das sie verwaltet.
Zum Gesamteindruck gehört auch das Preisniveau auf dem Gelände. Natürlich muss eine Veranstaltung wirtschaftlich funktionieren. Trotzdem hinterlassen 4,50 Euro für einen 0,33-Liter-Becher Wasser oder Softdrink einen bitteren Beigeschmack. Gerade auf einem Event, auf dem sich Menschen über viele Stunden bewegen, teilweise konsumieren und bei sommerlichen Temperaturen unterwegs sind, sollte die Versorgung kein Luxus sein. Wer Community in den Mittelpunkt stellt, sollte auch bei solchen Entscheidungen zeigen, dass Besucher mehr sind als Umsatz pro Kopf.
Die eigentliche Frage
Dahinter liegt eine Richtungsentscheidung. Warum buhlen die großen Brands um die Top Spots, anstatt sich organisch in die Location einzufügen? Warum wird nicht gezielt Raum für junge deutsche Brands geschaffen, die den Binnenmarkt stärken könnten?
Die Antwort ist einfach und genau deshalb ein Problem: Flächen gehen an das meiste Kapital. Das ist die Logik jeder Messe, und kurzfristig rechnet sie sich. Langfristig produziert sie ein Event, das nach Kapital aussieht und nach Kapital klingt. Die Omnipräsenz internationaler Marken, die unsere Kultur nicht verstehen wollen, sondern verschlingen, ist kein Naturgesetz. Sie ist das Ergebnis von Entscheidungen. Und sie hat einen Preis, der in keiner Standmiete auftaucht: Ein deutscher Markt, der seine eigenen Brands nicht aufbaut, wird zum Absatzmarkt für fremde. Was hier in den nächsten Jahren an Identität entsteht oder nicht entsteht, lässt sich später nicht nachbestellen.
Eine weitere Entwicklung, die wir kritisch sehen, ist, dass sich eine Kulturmesse zunehmend zu einer offenen Verkaufsfläche für Cannabis entwickelt. Vielerorts entsteht der Eindruck, dass sich alles um den Verkauf von Blüten, Rosin und den neuesten Hype-Produkten dreht. Der Fokus liegt nicht mehr auf Aufklärung, Austausch oder dem Aufbau einer nachhaltigen Branche, sondern darauf, möglichst viel Ware zu bewegen. Genau das dürfte solche Veranstaltungen auch für internationale Unternehmen besonders attraktiv machen. Ein paar tausend Euro Standmiete und schon erhält man direkten Zugang zu einem Markt, der gerade erst entsteht.
Profit allein kann es nicht sein. Es braucht einen Wandel im Dænken.
Unternehmerisch ist das alles verständlich. Kulturell ist es nicht nachhaltig. Eine Szene, die im Kleinen geprägt wird, von Growern, von Clubs, von Leuten mit Ideen und ohne Budget, lässt sich nicht dauerhaft als Kulisse verkaufen. Kultur ist das Einzige, was eine Messe nicht einkaufen kann. Sie kommt freiwillig, oder sie kommt nicht. Und wenn sie geht, geht sie leise. Irgendwann ist sie woanders.
Season zwei
Wenn das Season eins war, sind wir gespannt auf Season zwei. Das Potenzial ist enorm, und genau deshalb schreiben wir diesen Text. Kritik, die man sich spart, ist Gleichgültigkeit. Man könnte das hier auch Beratung nennen. Honorar: null.
Ruhezonen statt Dauerbeschallung. Pitch-Formate für Ideen ohne Kapital. Link-up-Spaces, in denen Begegnung nicht dem Zufall überlassen wird. Kuratierte Flächen für deutsche Newcomer. Ein Einlass, der funktioniert. Wiedereinlass für Tagesgäste. Ein Team, das das ganze Event kennt, nicht nur den eigenen Meter. Und die Bereitschaft, mit den Kleinen zu sprechen, nicht nur mit den größten Budgets.
Nichts davon ist radikal. Alles davon ist machbar. Es ist eine Frage der Priorität.
Denn Kultur ist kein Programmpunkt. Sie ist das, was zwischen Menschen entsteht, wenn man sie lässt. Sie wächst, wo Vertrauen ist, und sie verschwindet, wo man sie ausstellt. Man kann sie nicht buchen, nicht mieten, nicht auf eine Fläche stellen. Man kann ihr nur Bedingungen geben. Und wo das gelingt, schafft Kultur Räume für echtes gemeinschaftliches Leben. Unsere Orte, an denen wir wir selbst sein können.
Jeder Grower weiß: Die Blüte entscheidet sich lange vor der Blüte. Im Klima, im Licht, in der Pflege. Für eine Kultur gilt dasselbe. Was diese Branche werden kann, wird jetzt angelegt.
Also, an alle, die Events für diese Kultur bauen: Schafft das Klima. Wir bringen die Kultur.
Wir müssen nur wissen wohin.
Driven by Culture